Aus für die Notrufsäulen? Warum das Sparen an der Leitplanke für Autofahrer teuer werden kann
Die Bundesregierung prüft das Aus für die rund 17.000 orangefarbenen Notrufsäulen an den deutschen Autobahnen, um Millionen an Steuergeldern einzusparen. Doch für Autofahrer im Pannenfall könnte der Wegfall dieses analogen Sicherheitsnetzes unerwartete Kosten und Risiken bergen.


Sie stehen im Abstand von zwei Kilometern am Rand unserer Autobahnen: die leuchtend orangefarbenen Notrufsäulen. Seit Jahrzehnten geben sie Autofahrern das beruhigende Gefühl, im Ernstfall nicht allein zu sein. Doch im Zeitalter von Smartphone, GPS und automatischen Notrufsystemen (eCall) stellt sich die Frage: Brauchen wir diese analogen Helfer überhaupt noch? Die Bundesregierung und die Autobahn GmbH prüfen derzeit die Abschaffung. Für uns als Verbraucher geht es dabei um zwei Dinge: unser Steuergeld und unsere Sicherheit.
### Die nackten Zahlen: Was kostet uns die Nostalgie?
Aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht ist der Fall schnell klar. Die Nutzung der Säulen befindet sich im freien Fall. Im Jahr 2009 wurden noch stolze 167.000 Pannen und Unfälle über die orangefarbenen Kästen gemeldet. Bis zum Jahr 2023 ist diese Zahl auf rund 30.000 geschrumpft – ein Rückgang von über 80 Prozent.
Demgegenüber stehen erhebliche Kosten, die letztlich wir Steuerzahler tragen müssen. Für Betrieb, Wartung, Instandhaltung und die Notrufzentrale kalkuliert die Autobahn GmbH des Bundes für das Jahr 2025 mit rund 4,5 Millionen Euro. Das ist zwar bereits deutlich weniger als die 8,2 Millionen Euro im Jahr 2024, aber immer noch eine Stange Geld für ein System, das von der technischen Entwicklung überholt wurde. Andere europäische Länder wie Dänemark oder die Niederlande haben hier bereits den Rotstift angesetzt und die Säulen komplett abmontiert.
### Das Smartphone-Dilemma: Wenn die Technik versagt
Auf den ersten Blick erscheint die Abschaffung logisch. Fast jeder Autofahrer hat heute ein Smartphone in der Tasche. Neuwagen müssen zudem seit 2018 zwingend mit dem automatischen Notrufsystem eCall ausgestattet sein, das bei einem Unfall selbstständig die Retter alarmiert. Warum also Millionen für veraltete Technik ausgeben?
Verkehrssicherheitsexperten und die deutschen Versicherer warnen jedoch vor voreiligen Schritten. Und das aus gutem Grund, der auch Ihren Geldbeutel und Ihre Nerven betrifft:
1. **Funklöcher und leere Akkus:** Wer schon einmal im tiefsten Brandenburg oder auf bergigen Autobahnabschnitten im Stau stand, weiß: Das deutsche Mobilfunknetz ist alles andere als lückenlos. Ein leerer Handy-Akku nach einer langen Fahrt oder ein beschädigtes Smartphone nach einem Unfall machen das Handy im entscheidenden Moment nutzlos. 2. **Gebrauchtwagen-Nachteil:** Der deutsche Fuhrpark ist im Schnitt knapp zehn Jahre alt. Millionen von Fahrzeugen auf unseren Straßen verfügen nicht über eCall. Wer sich keinen teuren Neuwagen leisten kann oder will, verliert mit der Notrufsäule ein wichtiges, kostenloses Sicherheitsnetz. 3. **Ausländische Autofahrer:** Ohne genaue Ortskenntnisse ist es auf der Autobahn extrem schwer, den genauen Standort durchzugeben. Die Notrufsäulen übermitteln den Standort bei Aktivierung automatisch. Gerade für ausländische Touristen oder Lkw-Fahrer sind die Säulen oft der einzige unkomplizierte Weg, Hilfe zu holen.
### Geldspur-Ratgeber: So rüsten Sie sich für das mögliche Aus
Noch ist keine finale Entscheidung gefallen. Doch der Trend ist eindeutig: Mittelfristig dürften die Säulen seltener werden. Damit Sie im Pannenfall nicht sprichwörtlich im Regen stehen und unnötige Abschleppkosten riskieren, sollten Sie Ihr persönliches Sicherheitsnetz aufrüsten:
* **Die Powerbank ins Handschuhfach:** Machen Sie es sich zur Gewohnheit, ein geladenes Zusatzakku (Powerbank) im Auto zu deponieren. Ein totes Handy darf im Notfall nicht zum Sicherheitsrisiko werden. * **Notfallnummern offline speichern:** Speichern Sie die Nummern Ihres Automobilclubs und Ihrer Kfz-Versicherung (Schutzbrief) direkt im Telefon ab, damit Sie nicht erst im Internet suchen müssen. * **Der Blick auf die Leitpfosten:** Auch wenn Sie mit dem Handy anrufen, müssen Sie wissen, wo Sie sind. Die kleinen schwarzen Pfeile auf den weißen Leitpfosten am Fahrbahnrand zeigen Ihnen immer noch den Weg – nicht nur zur nächsten Säule, sondern sie dienen auch zur Orientierung für die Kilometerangabe gegenüber der Rettungsleitstelle. * **Schutzbrief prüfen:** Ein guter Kfz-Schutzbrief kostet oft nur wenige Euro im Jahr über Ihre Versicherung, schützt Sie aber vor horrenden Abschleppkosten, falls Sie privat Hilfe organisieren müssen.
### Unser Fazit: Sparen ja, aber mit Augenmaß
Natürlich müssen staatliche Ausgaben auf den Prüfstand gestellt werden. 4,5 Millionen Euro Sparpotenzial sind verlockend. Doch Verkehrssicherheit darf kein Luxusgut sein. Eine komplette Abschaffung auf einen Schlag wäre voreilig.
Sinnvoller wäre ein schrittweiser Rückbau an gut versorgten Streckenabschnitten, während in bekannten Funklöchern und unfallträchtigen Zonen die Säulen als analoges Backup erhalten bleiben. Bis dahin gilt für alle Autofahrer: Verlassen Sie sich nicht blind auf die Technik im Auto, sondern sorgen Sie selbst für den analogen Ernstfall vor.
Redaktionelle Bearbeitung durch Geldspur. Ausgangsmeldung: RTL Online
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